Triple Nine – Dräggig: Druff gschisse!

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Dräggig, das zweite Album der Basler 999-Crew, wird einige vor den Kopf stossen und andere ziemlich aufpeitschen. Denn es ist eine Antwort auf die Feststellung: Rap ist am Ende – na und? HipHop ist nicht tot, er prügelt sich nur gerade in einem Hinterhof in der Basler «Steine».

Album Review

Mit einem hat die Basler HipHop-Crew Triple Nine ganz sicher recht: «Schwiizer Räp isch am End.» Am Ende also – oder zumindest in einer schwierigen Phase des Publikumsschwunds oder auch der fehlenden künstlerischen Innovation. Besonders schwierig wird es, wenn es sich um Old School HipHop handelt und nicht um BlingBling-Rap, halbnackten R’n’B oder um gerappten Hudigääg à la Bligg.

Rap ist also am Ende, mindestens im Mainstream, und da macht die laute Ansage von Triple Nine natürlich nicht viel Sinn – oder eben um so mehr. Denn die Feststellung von Triple Nine ist ein Zustandsbeschrieb, ein «State of the Union of CH-HipHop» sozusagen. Auch für Basel, denn wer HipHop in Basel in den letzten Jahren beobachtet hat, der muss feststellen, dass 2009 bisher nicht viel Aufregendes auf CD oder Vinyl passiert ist, auch 2008 nicht, auch 2007 nicht ... Flaute. Oder doch nicht?

Provozieren und randalieren
Doch eines ist sicher: Dräggig, das zweite Album der 999-Crew, wird einige vor den Kopf stossen und andere ziemlich aufpeitschen. Denn es ist eine Antwort auf die Fragen ganz am Anfang. Quasi: Rap ist am Ende – na und? Triple Nine waren noch nie so am Start wie heute! Voilà. Was Johny Holiday, Fierce, SimonAyEm (Beats) Fetch, Abart, Jean Luc Saint Tropez, Thierrey, Zitral und nochmals SimonAyEm (Rap) sowie Kron (Graphik, Graffiti) auf Dräggig vorlegen, provoziert und randaliert. Dazu mehr weiter unten.

Weil: Ein Zwischenstopp ist hier und jetzt fällig, um das Spezifische am Basler Rap kurz an die Wand zu tackern, damit die lange und laute Basler HipHop-Geschichte etwas greifbarer wird. Immerhin werden mit der neuen Triple-Nine-Platte zwei Dekaden gerappter Geschichten aus den Strassen von Basel abgeschlossen. Triple Nine kann nicht funktionieren ohne einen kurzen Blick zurück.

Triple Nine © 2009
Triple Nine © 2009

Funky Cold Steine

Basel hat seit 20 Jahren seinen eigenen Ehrencodex in Sachen HipHop und der war – mit einigen Ausnahmen – schon immer Old School, Street Rap und stark geprägt von Secondos, Lokalpatriotismus und einem gewalttätigen Image. Eine Crew wie zum Beispiel TNN (Kalmoo, DJ Philister, Red Gee) ging schon 1989 an den Start und es wäre eigentlich Zeit, nicht nur 10 Jahre Triple Nine, sondern auch 20 Jahre Basel-City-Rap zu feiern. Wenn nicht offiziell, dann doch zumindest in den Kneipen, Hinterhöfen und Rap-Schuppen der Stadt.

Wer die Linie von TNN über P-27 (erster Mundart Rap), Makale (erster türkischer Rap in der Schweiz), Black Tiger (erster Consciousness-Rapper), Def-Cut (international gefragter Beat-Produzent), DJ ACE (Business-Vorreiter), Griot (erster erfolgreicher Gangsta Rapper), Tre Cani (erste italienisch rappende Hunde), dem WB-Tal (erfolgreiches Label, Homebase des Waldenburgertals) samt den TAFS, oder eben Brandhärd (eine der erfolgreichsten Mundart-Rap-Maxis mit Noochbrand) zieht, der merkt schnell, das Basel die wahre Stadt des HipHop in der Schweiz ist und die Steinenvorstadt darin eine gewichtige Rolle spielt oder gespielt hat. Funky Cold Steine.

Hip-was?
HipHop leidet also unter Publikumsschwund und allgemein unter der teuren Markenfixiertheit der Jugendlichen, die die passende Musik zum Outfit fast überflüssig macht. Adidas und Run DMC ist lange vorbei. Heute kostet Coolness durch Streetwear viel Geld, nur mit HipHop hat das natürlich nichts zu tun. Mode-Homeboys und Flygirls bevölkern heute die Steine, nicht unbedingt Wortakrobaten, Writer und DJs auf der Suche nach dem nächsten Battle oder einer grauen Betonwand.

Dass viele Teens und Twens heute lieber zu Electro, Indie, Grime oder NuRave ihre Hüften shaken, macht die Sache für HipHop nicht einfacher (übrigens auch für Drum’n’Bass nicht). Aber dafür können Triple Nine ja wirklich nichts. Es ist den Jungs auch vollkommen egal, was die andern tun, denn sie tun ihr Ding mit vollem Einsatz. Und gedisst werden Streetwear-Markensklaven auf dem neuen Album nicht zu knapp. – Doch nun: Klammer zu.

Haute Cuisine statt Burger-King-Rap
Dräggig ist das zweite Album der Grossformation, die – der Legende nach – am 9.9.1999 von Rappern und Beatlegern der Crews Brandhärd, Stuuberocker, Freakanoid und Taktpakt im berühmt-berüchtigten Milieu-Studio gegründet wurde und zum Jubiläum am 9.9.09 nun 21 neue Tracks in die Meute schleudert. Und wenn Triple Nine «Dreck» sagen, dann kommt es natürlich knüppelderb. Nichts für Rudolf-Steiner-SchülerInnen also, und auch nichts für Chris von Rohr.

«Ratte» als Intro spricht eine klare Sprache: «I bi sadistisch, dräggig, pervers und assozial». Oder: «Mir sind kei Burger-King-Rap, mir s Haute Cuisine und kocht wird im Milieu-Studio» heisst es im vielleicht besten Track «Stopp das Stugg» (ausgeschlafen: SimonAyEm mit englischen Raps, sowie die Stuuberocker). Funky auch «Wicked Stepchild Formula» oder «Dressierti Trüffelschwein» (Fetch).

Der Prolet der Crew, Jean Luc Saint Tropez, läuft in «Champagnerzmorge» zur Hochform auf. Im Track «Rhygässler» gibts dann auch mal coole Ironie: «I hann en Ständer in de Hoose statt e Knarre im Gurt» oder «Do gohts 1 gege 1, do isch seckle ä Strooftat») und einen smoothen Beat von Johny Holiday und Fierce. Manche alkschwangere Raps wie in «Voll ain Dinne» sind dann aber nicht immer lustig. Und verbale Agressivität wie in «Giftiger» hätte die Crew eigentlich nicht nötig. Dass Triple Nine live eine Macht sind, haben sie Ende August bewiesen: Das Video zeigt den Song «Musicante Arrogante» live am Jugendkulturfestival Basel 2009.

Druff gschisse!
Das Image der Crew zwischen Gangsta Rap, Battle Rap, Aggro Basilea und Hooligan Rap funktioniert prächtig und provoziert mächtig. Der Track «Bombe Rap» – ganz am Anfang zitiert – bringt die Sache auf den Punkt.

Der HipHop ist nicht tot, er prügelt sich nur gerade in einem Hinterhof in der Steine. Bald ist er zurück. Am 9.9.2009. Triple Nines Wiedergeburt namens Dräggig ist ein aufgepitchter, funky Strassenköter, Hardcore Basel mit meist ironischer Riesenschnauze. Das Revier ist markiert. Die Flucht geht nach vorne. Wems nicht gefällt ... druff gschisse! Wems gefällt ... druff gschisse!

Triple Nine – Dräggig (Cover)
Triple Nine – Dräggig (Cover)

Triple Nine – Dräggig

(Eigenverlag) ist am 9.9.2009 als CD erschienen.

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