Judy Birdland – Aurora: Rote Sonne, heisses Blut.

Reviews

Judy Birdland heisst die Basler Band, die sich – nicht nur sprachlich – zwischen der grossen Judy Garland und dem noch grösseren John Coltrane und seinem legendären Jazzclub Birdland bewegt. Musikalisch angereichert wird das Bild mit psychedelisch-jazzigen Prärie-Soundwischern, Delta-Blues-Stimmungen, sphärischen Ausflügen und mit einer Sängerin, die genau die Songs schreibt und singt, von der Sophie Hunger träumen würde.

Album Review

Jazzig flirrender Raureif

Tatsächlich sind einige der Songs von Judy Birdland weit mehr als nur Songs; nämlich kurze oder auch längere Trips, stimmungsgeladen, melancholisch, experimentierend, dramatisch.

Christa Unternährer heisst die 31-jährige Sängerin mit bürgerlichem Namen. Mit ihr konnte man schon an der RFV DemoClinic 2012 Bekanntschaft machen: «Hoarfrost» hiess der dort eingereichte Song, der nun auch auf dem Album zu hören ist. Hoarfrost, ein Wort, das allein schon laut gesprochen ziemlich gefährlich klingt – wie eine untote Moorleiche, die in der Vollmondnacht raffiniert ausgeleuchtet durch Nebelschwaden über schwarze Torferdeschollen stolpert.

Blödsinn! «Hoarfrost» ist ein bezaubernder Song, jazzig flirrend, so cool wie warm, etwas aus der Zeit gefallen und dynamisch arrangiert wie fast alle Songs auf Aurora, dem ersten Album von Judy Birdland. By the way: Hoarfrost heisst schlicht und einfach Raureif und ist ein schönes Phänomen von Mutter Natur, oder?

judy-birdland-2013

Neun Minuten Morgenröte

Stilistisch ist der Bogen auf Aurora weit gespannt und stimmig, von Salon-Blues über elegant-cleveren Cocktail-Lounge-Jazz («Do You Know Me (Driftin’ Along), «Silver Sunlight Of The Summer») bis hin zum psychedelisch hochaufgeladenen Belladonna-Hexentanzstück «Red Sun Blues». Über sechs Minuten nimmt einen die Band mit und am Ende heisst es: «I am sitting in the heat and watching the red sun above me, but anywhere I’ll be I feel alone, my blood is hot and you are not with me». Lyrisch ist damit schon mehr gerettet als nur der blöde Tag vor der Tür.

Melancholie und Coolness

Melancholisch sind die Lieder auch, «Aurora» etwa, das neun Minuten lange Titelstück, das die Morgenröte noch etwas dunkler malt. Man denkt plötzlich an Sade Adu, jene Stimme, die man einfach nicht vergisst. Und irgendwann wähnt man sich tatsächlich im legendären Birdland am Broadway in New York und hört eine unfassbar coole traurige Sängerin, wie sie «Blue Velvet» vorträgt. Und je länger man hinhört, desto schöner wird die Traurigkeit, bis man dem Nachbar das Taschentuch aus der Hand reisst und weiss, dass alles verloren ist. Der Song «Aurora» löst mehr ein als er verspricht. Man ist gespannt auf die Live-Umsetzung.

Diese Platte zieht dich aus

Ja. Grosse Stimme, grosse Band, Judy Birdland. Christa Unternährer a.k.a. Judy Birdland (voc, git) kommt aus Marbach im Entlebuch und studiert in Basel, wo sie auch mehrheitlich ihre Band zusammengetrommelt hat: Daniel Roser (p, key, hrm), Sebastian Scheipers (git), Kontrabassist Marco Nenniger und Schlagzeuger Jan Schwinning. Produziert hat die Meisterin selber. Ab und zu wünscht man sich, die Band wäre noch einen Tick weitergegangen, weiter Richtung Riders On The Storm, weiter raus, expressiver, schwärzer.

Was gibt es sonst zu sagen ausser: Wohnungstür verriegeln, Stecker ziehen, Drink mixen, Kerzen anwerfen und unbedingt ganz anhören? Vielleicht das: Diese Platte macht keinen Spass, dafür ist sie viel zu gut. Diese Platte zieht dich aus. Falls du bereit bist. Und wenn nicht, wird dir irgendeine ferne Morgenröte beweisen, dass du falsch lagst, als du nicht hören wolltest.

Judy Birdland – Aurora (Cover)
Judy Birdland – Aurora (Cover)

Judy Birdland – Aurora

(Chop Records) ist am 1. November 2013 erschienen und in den üblichen Läden sowie über Cede.ch erhältlich.

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