Don’t Kill The Beast – I Am & I Change: Power-Pop zum Aufwachen

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Don't Kill The Beast © Niklas Eggmann
Don't Kill The Beast © Niklas Eggmann

Dynamischer Power-Pop durchtränkt mit kratzigen Rockelementen und umschmeichelt von atmosphärischem Synthesizer, die Basler Band Don’t Kill The Beast feiert mit ihrem neuen Album „I Am & I Change“ ein spannendes Comeback nach Jahren der Ruhe (das letzte Album erschien im Spätjahr 2017). Es klingt nach einer wilden Reise zu sich selbst, der unvorhergesehenen (Wieder-)Entdeckung des eingestaubten Skateboards auf dem Dachboden und der Befreiung von grossen Fragen, die viel zu lange unausgesprochen blieben. Endlich spricht sie jemand aus!

Album Review / RegioSoundCredit

Aber es gibt auch diese düsteren Momente, in denen die Welt untergeht, wie in „Collapse“. Nicht umsonst wurden Don’t Kill The Beast 2017 vom SRF noch als „Fürsprecher aller Enttäuschungen und Versager“ bezeichnet. Seither ist viel passiert – ein Unfall hat den Leadsänger des Quintetts, David Blum, buchstäblich wachgerüttelt und auf sich selbst zurückgeworfen – und so kommt das neue Album mit vielen Fragen, aber auch vielen Antworten und einer ordentlichen Portion Empowerment daher, so dass „Fürsprecher aller Kämpfer und Versager“ nun angebrachter ist.

Dass es diesen Wachmoment gegeben hat, darüber braucht man keine grossen Worte verlieren, denn die (nur!) 7 Songs sprechen für sich. Das Quintett um Blum mit dem Multiinstrumentalisten Matthias Gusset (auch bekannt durch das Projekt Kappa Mountain mit Audio Dope), der Gitarristin und Backgroundsängerin Marcie Nyffeler, dem Gitarristen Matthias Renner und Liveschlagzeuger Joachim Setlik hat mit „I Am & I Change“ vielseitigen Indie-Pop zu bieten, der uns wie nebenbei den Spiegel vorhält.

Don't Kill The Beast © kokoshnika
Don't Kill The Beast © kokoshnika

existenzielle Fragen

Im mitreissenden Song „Anxiety“ – bereits beim ersten Hören erobern Sound und Melodie das musikalische Gedächtnis – geht es auf seltsam unbeschwerte Weise um Themen und existenzielle Fragen, die lieber unter der Oberfläche gehalten werden:

„Do you ever feel lonely?
do you ever feel tired of being alive?
do you ever feel guilty
for something that you really really regret?“
...and so on.

Trotz Leichtigkeit wird ‚anxiety‘ nicht trivialisiert, sondern sie verliert ihren Schrecken, auch weil hier niemand damit allein bleiben muss:

„If you need help
express yourself
you can tell me anything

you are precious you’re a star“.

Musikalisch oszillieren Don’t Kill The Beast hier zwischen The Cure und The Killers: starke Rhythmusgitarre, atmosphärische Synthesizer, wildes Schlagzeug, dazu Blums klare Stimme begleitet von Marcie Nyffeler.

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Das Leben scheint in Ordnung

„LSF“ (eine Abkürzung für life seems fine) besitzt einen starken rockig-poppigen Drive, der sich perfekt für eine Autofahrt bei offenem Fenster eignet. Trotz klassischer Elemente wird’s nicht langweilig, dafür ist der Sound nicht glatt genug – die Gitarren begleiten Blum mal untergeben, mal stürmen sie in den Vordergrund. Es ist eine wilde Erkenntnis: „Life seems fine for the very first time.“

Überraschend unerwartet und mutig ist „Way to Go“. Zahme Gitarrenakkorde begleiten Blum, der melodramatisch säuselt:

„Always been my own hero
though I thought I was a bump, a zero“.

Hier sind sie wieder, die Versager-Feelings. Das hat etwas Selbstzerstörerisches und Lächerliches zugleich. Gebrochen wird dieser Sound in der Hälfte des Songs, wo unvorhersehbar ein abrupter Wechsel zu beinah finsterem und sicherlich aufregendem Rock-Sound stattfindet. Die Rhythmusgitarre trägt Blums Stimme in stimmungsvolle, aber zero kitschige Atmosphären. Kleine Gitarrensoli komplettieren den Sound. Dass das Ganze auf insgesamt 6 Minuten stattfindet, beweist ausserdem Mut sich den Standards nicht zu beugen.

I Am & I Change

Der letzte Song, der gleichzeitig Titelsong ist, feiert den Widerspruch. Genauso dramatisch wie entrückt lädt der verträumte Sound zum Einkuscheln und Gedanken strömen lassen ein, bleibt aber dem roten Faden des Albums, der Selbstfindung und self-consciousness, treu. Das zeigt die kleine Leerstelle, in der nur Blum zu hören ist: „finding out who you are and in the end who you became“.

Stärkung, Trost, Empowerment

Das Comeback von Don’t Kill the Beast wirkt, als sei es aus einer Explosion heraus entstanden, inspiriert von Selbstfindung und -awareness oder einfach dem persönlichen Schlamassel. Die Songs liefern Anlass, selbst mal hinzuhören auf die eigenen Fragen oder sich einfach und ohne groß nachzudenken vom Drive der Musik anstecken zu lassen.

Große Empfehlung für alle Gitarrenliebenden mit Hang zum Drama, die etwas (Be-)Stärkung und Trost suchen, sich aber gleichzeitig empowern lassen möchten.

Don't Kill The Beast - I Am & I Change, 2022
Don't Kill The Beast - I Am & I Change, 2022

Don't Kill The Beast – I Am & I Change
Ist am am 9.9.2022 als LP, CD und digital erschienen, mit einem Beitrag des RegioSoundCredit.

Erhältlich hier

LP/CD-Verlosung
Das Musikbüro verlost 1 LP von I Am & I Change
Teilnehmen: E-Mail ans Musikbüro senden. Es wird keine Korrespondenz geführt.

Don't Kill The Beast sind:
David Blum (Vocals & Bass), Matthias Gusset (Keys), Marcie Nyffeler (Gitarre & Backing Vocals), Matthias Renner (Gitarre), Joachim Setlik (Drums)

Discographie:
Cupid Bite (2017)

Don't Kill The Beast

Don't Kill The Beast 2021
24/05/2022

Beiträge
7 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2022
3 000 CHF | Resonate | 2018
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger, Musikvideo | 2017
4 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2014

Indie / Pop / Rock / 2022

About Marie Suhm

Marie Suhm (*1996) lebt, studiert und arbeitet in Berlin. Schon immer ist sie musikbegeistert: Früh wurden Rocko Schamoni Alben auswendig gelernt und mitgeträllert, CDs von mongolischen Obertonsängern gekauft, Peter Fox Konzerte gefeiert und bei Marina and The Diamonds Teenie-Gefühle gelebt. Zuletzt folgten Miel de Montagne, Kaytranada und Anna Erhard in Berlin. Geliebt wird, was Humor beweist, gute Laune macht, aneckt und ins Ohr geht.