Atrice - Default Settings: Nichts bleibt auf Werkseinstellung

Release Reviews
Atrice © Flavio Karrer, 2026
Atrice © Flavio Karrer, 2026

Album Review

Plötzlich waren sie da

Als Musikjournalist mit einem Faible für alternative Electronica und Clubmusik beobachtet man im Laufe der Jahre viele Acts beim Wachsen. Man hört erste, noch etwas ungelenke Gehversuche, erlebt die Suche nach einem eigenen Signaturesound und irgendwann vielleicht den Moment, in dem alles zusammenkommt. Beim schweizerisch-kolumbianischen Duo Atrice war das anders: Die waren gefühlt plötzlich da – und klangen bereits erstaunlich ausgewachsen.

Ganz aus dem Nichts kommt das natürlich nicht. Hinter Atrice stecken Lino Schilling und Pablo Chacon-Pino, zwei ausgebildete Klangtüftler mit solidem theoretischem Fundament. Schilling studierte an der Musik-Akademie Basel Audio Design, Komposition und Musiktheorie, Chacon-Pino kommt aus dem Bereich Sound Arts der Hochschule der Künste Bern. Das hört man ihrer Musik durchaus an. Nur glücklicherweise nie so, dass sie nach akademischem Gepose klingt.

Seit 2020 ist dabei eine Diskografie auf diversen relevanten Labels entstanden. Auf die frühe EP «FKX82000» beim französischen Label [re]sources folgte 2021 mit «Q» bereits der erste Release auf Ilian Tape. «Backrooms» vertiefte diese Beziehung 2022. Danach erschienen Releases auf ihrem eigenen Imprint Miras und auf Timedance. Ebenfalls veröffentlichten sie schon Musik auf Unknown Untitled oder dem kolumbianischen Label TraTraTrax. Spätestens mit «Multiplex» 2024 war klar: Atrice gehören zu den vielversprechendsten Stimmen einer jungen Schweizer Electronica-Szene, die sich längst nicht mehr über Landesgrenzen definiert.

Zuhause bei Ilian Tape

«Default Settings» ist bereits der vierte Atrice-Release auf Ilian Tape – und ihr erstes richtiges Album. Dass dieses beim Münchner Label der Zenker Brothers erscheint, scheint mir nur logisch. Ilian Tape gehört seit Jahren zu den verlässlichsten Adressen für elektronische Musik irgendwo zwischen Techno, Bass Music, Breakbeats, IDM und experimenteller Electronica. Acts wie Skee Mask oder Stenny haben diesen offenen Sound massgeblich mitgeprägt.

Für Atrice ist Ilian Tape aber mehr als einfach ein renommiertes Label-Zuhause. Die Alben des Labels haben sie nach eigener Aussage seit ihren Anfängen stark beeinflusst – insbesondere darin, was ein Longplayer zwischen experimenteller Electronica und Bass Music überhaupt sein kann.

Die Kunst, Voreinstellungen zu manipulieren

Ich habe die beiden nicht danach gefragt, aber der Albumtitel scheint mir eine ziemlich schöne Ironie zu sein. Denn wenn Atrice etwas konsequent vermeiden, dann sind es Voreinstellungen. Lino Schilling und Pablo Chacon-Pino sind Sounddesign-Wizards und, positiv gemeint, ziemliche Modulationsfetischisten. Ein neues Plug-in, eine ungewohnte Synthesemethode oder eine selbstgebaute Effektkette kann bei ihnen bereits Ausgangspunkt für einen neuen Track sein. Sie bauen Versuchsanordnungen, lassen diese kontrolliert aus dem Ruder laufen und arbeiten mit dem weiter, was dabei herausfällt.

Auch sonst funktioniert Atrice erstaunlich wenig nach dem klassischen Bild eines Produzentenduos, das Schulter an Schulter vor demselben Bildschirm sitzt. Oft beginnt einer mit einer Skizze und reicht sie an den anderen weiter. Manchmal arbeiten sie gemeinsam, manchmal getrennt – und gelegentlich werden kurzerhand die Computer getauscht und auf der Maschine des anderen weitergebaut. Kontrollverlust als Methode, Präzision als Endprodukt.

Die ältesten Ideen auf «Default Settings» reichen bis 2022 zurück, fertiggestellt wurde die Platte 2026. Vieles entstand im eigenen Studio, anderes während konzentrierter Arbeitsphasen in Madulain im Engadin und bei einem Freund in der Toskana. Atrice wollten bewusst eine weichere, nach innen gerichtete Seite zeigen und sich vom Anspruch lösen, dass jeder Track primär im Club funktionieren muss.

Vom Schwebezustand zum Dancefloor

Ich habe «Default Settings» am Stück gehört und bin froh, es genau so gemacht zu haben. Eigentlich würde ich das auch jedem und jeder empfehlen. Denn die einzelnen Tracks funktionieren zwar für sich, die eigentliche Qualität dieser Platte liegt aber in ihrer Dramaturgie.

Mit «Bath Tube» und «I Have a Bad Case» beginnt die Reise in einem Nebel aus subtilen Drone-Mustern, wogenden Flächen und erst schemenhaft erkennbaren Rhythmen. In «Eyefax» kommen dubbige Trip-Hop-Elemente dazu. Bis hierhin fühlt sich die Platte ganz leicht an. Nichts drängt.

Mit «Runnersihldub» werden die Konturen schärfer, die Bässe körperlicher und die rhythmischen Verschiebungen deutlicher. Das Tempo zieht leicht an. «Stainless Steel», «Soothe Operator» und «Rumination» treiben diese Entwicklung weiter, bis man sich irgendwann in einem kleinen Undergroundclub mit futuristischer Bass Music wiederfindet. Hochkomplexes Sounddesign, das man nicht studieren muss, sondern intuitiv versteht.

An neunter Stelle nimmt «Entertainment Fee» mit elektronischem Dub wieder etwas Druck raus, bevor «Axis of Rotation» und «Wettape» mit ihren polyrhythmischen Technostrukturen nochmals anziehen. Perfekt abgeschlossen wird diese musikalische Rundtour mit «Underneath», das die Platte wieder in atmosphärische Klangflächen auflöst.

Erst als dessen letzte Klänge verschwinden, merke ich, was in der vergangenen Stunde eigentlich passiert ist: Listening Session, basslastige Clubnacht und Soundhealing in einem – und plötzlich spuckt mich diese Platte wieder in die reale Welt aus.

Vielleicht liegt genau darin die grösste Qualität von «Default Settings»: Diese Musik nimmt einen an der Hand und lässt einen irgendwann vergessen, wie viel technische Präzision und Detailarbeit dahintersteckt. Atrice zeigen zwar ständig, was mit digitaler Klangmanipulation alles möglich ist, machen daraus aber nie eine Leistungsschau. Die Technik ist nie das Ziel. Sie ist das Werkzeug.

Fazit

Ich kenne nur wenige elektronische Alben, denen es gelingt, eine solche Bandbreite abzubilden und trotzdem wie aus einem Guss zu klingen. «Default Settings» führt von Ambient und experimenteller Electronica bis auf den Dancefloor, ohne dass dieser Weg auch nur einmal forciert wirkt.

Dass die Produktionen dabei auf absolutem Topniveau liegen, wird vor lauter Hörgenuss fast zur Nebensache. «Default Settings» ist eine dieser Platten, für die Atrice bei Fachpresse und Fans viel Lob einheimsen dürften – und die das Duo karrieretechnisch zweifellos noch einmal ein gutes Stück weiterbringen wird.

Und dann wäre da noch die Zukunft

Atrice gelten als disziplinierte Arbeiter mit erstaunlichem Output. So wundert es kaum, dass bereits das nächste Album in Arbeit ist. Es soll Ende 2027 auf einem noch nicht genannten Label erscheinen und einen ganz anderen Weg einschlagen: Atrice wollen ihr Handwerk um künstliche Intelligenz erweitern und mit KI-generierten Stimmen und Melodien experimentieren.

Nachdem sie auf diesem Album die «Default Settings» bis an deren Anschlag verstellt haben, klingt das nach einem ziemlich logischen nächsten Schritt.

Atrice - Default Settings Cover
Atrice - Default Settings Cover

Atrice - Default Settings

Das Debütalbum von Atrice «Default Settings» ist am 29. Oktober 2026 bei Ilian Tape erschienen und ist via Bandcamp zu kaufen.

Die Produktion wurde unterstützt durch den RegioSoundCredit 2023/3.

Atrice

Atrice (c) Nora Seebach 2022
Atrice (c) Nora Seebach 2022
03/11/2023

Beiträge
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2023

Über John Bürgin

Der gebürtige Basler ist seit Anfang an beim jungen SRF-Radiosender Virus in der Musikredaktion mit dabei und ist seit einigen Jahren Teil der SRF Fachredaktion Musik und der Sounds! Redaktion bei SRF3. Dort ist er der Gatekeeper für alles Elektronische und produziert das Format «sounds!mixtape». Daneben steht er auch selbst regelmässig hinter den DJ Decks.