HMOT – Here in the Future, Waiting For You: Jenseits von Zeit und Raum
Abseits vertrauter westlicher Zeitkonzepte und Vorstellungen von den Dimensionen unserer Welt öffnet HMOT mit “Here in the Future, Waiting For You” einen Raum jenseits gewohnter Ordnungen. Die sechs Stücke verbinden unterschiedliche Sphären des Daseins zu einem Kreislauf aus Wärme, Trost und Geborgenheit. Ihre rohe, unmittelbare Präsenz erinnert an das Wesentliche im Menschsein: an das Ursprüngliche, das in uns weiterlebt, und weckt ein verschüttetes Urvertrauen.
Agnes Leclaire
Rückblick / Wo steht die Band heute:
HMOT aka Stas Shärifullá, geboren in Ostsibirien mit baschkirischen Wurzeln, lebt und arbeitet in Basel als Künstler, Komponist und Forscher. Er beschäftigt sich damit, wie Hören und Klänge unsere Identität und Erinnerung prägen. Dabei setzt er sich mit den Klangtraditionen nomadischer Kulturen Nord- und Zentralasiens auseinander, in denen das mündliche Weitergeben von Wissen eine zentrale Rolle spielt. Er untersucht, wie koloniale Machtverhältnisse lokales Wissen verdrängen und lebendige kulturelle Praktiken auf exotische Museumsobjekte reduzieren und wie sich diese Sichtweise verändern lässt.
Bereits auf seinen letzten beiden Alben sind die Auseinandersetzung und die Reflektion mit seiner Verbindung zu den eigenen Wurzeln der Ausgangspunkt. Mit seiner Musik sucht er angesichts einer von Spannungen und Ausbeutung geprägten Realität nach Hoffnung und neuen, befreienden Zukunftsperspektiven.
Musikalisch schlägt “Here in the Future, Waiting For You” jedoch einen neuen Weg ein. Während Shärifullá auf früheren Alben traditionelle Instrumente mit elektronischen Klängen und algorithmischen Prozessen verband, verzichtet er diesmal weitgehend auf Synthesis und Computerklänge. Stattdessen stehen nun rohe, natürliche Klänge im Mittelpunkt.
Zeitverständnis
Der Albumtitel verweist auf ein nomadisches, zyklisches Zeitverständnis, in dem Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden sind und die Vorfahren durch ihre Erinnerungen und ihr Wissen Teil der Welt der Lebenden bleiben. Die Vergangenheit liegt dabei vor uns, während die Zukunft hinter unserem Rücken verborgen ist.
Nähe trotz Distanz
Stas versteht sich als «Supporter», der andere Artists einlädt und musikalische Verbindungen schafft. Auch auf diesem Album kehren vertraute Namen früherer Veröffentlichungen zurück. Die Zusammenarbeit ist von Freundschaft und gegenseitigem Vertrauen getragen. Obwohl die Artists geografisch weit voneinander entfernt leben und ihre Beiträge separat aufgenommen haben, klingt es, als würden sie einander zuhören und aufeinander reagieren.
Die räumliche Distanz wurde zum Wendepunkt im Aufnahmeprozess. Statt einer perfekt geschliffenen Studioproduktion wollte Shärifullá eine Live-Aufführung nachbilden, obwohl die Musikerinnen nie gemeinsam gespielt hatten. Dafür stellte er die Lautsprecher so im Raum auf, als wären alle anwesend: Saadet vorne, Shärifullá dahinter, Aldana rechts und Eldar links. Durch das gleichzeitige Abspielen aller Lautsprecher und das Mischen direkt im Raum entstand ein gemeinsamer akustischer Raum, den es physisch nie gegeben hatte.
Shärifullá spielt handgefertigte Blas- und Perkussionsinstrumente, darunter die Quray, eine lange Flöte aus einer gleichnamigen Pflanze, die in der baschkirischen Kultur musikalisch und spirituell verwurzelt ist. Dazu kommen Aldana Duoraan am Khomus, Eldar Tagi an Daxophon und Shtar sowie Saadet Türköz, deren archaisch anmutende Stimme, geprägt von ihrem kasachischen und türkischen Erbe, das musikalische Zentrum bildet.
«Blood Seeps Into The Soil»
Mit «Blood Seeps Into The Soil» öffnet sich das Portal zu einer vertrauten Klangwelt. Aldanas Stimme empfängt uns wie eine warme, leitende Hand, die uns sanft mitnimmt und immer tiefer in das musikalische Geschehen führt. Die Klänge des Daxophons erscheinen dabei wie geheimnisvolle Weggefährten, während die luftigen Flötenklänge wie ein unsichtbarer Wind die Richtung weisen. Eine Reise, die weniger einem festen Weg folgt als einer inneren Bewegung. Getragen von Klängen, die kommen und gehen wie Spuren aus einer anderen Zeit.
«Smoke Blurs Into The Air»
Schon im ersten Stück lässt Aldanas Stimme erahnen, dass sich hinter der sanften Klangwelt auch kraftvolle, beinahe brachiale Momente verbergen. Im zweiten Track «Smoke Blurs Into the Air» tritt sie dann deutlicher hervor: Zu Beginn klingt ihr Gesang klar und unmittelbar, als würde sie direkt zu uns sprechen und eine Geschichte erzählen, die sich nach und nach entfaltet. Das Daxophon und der Khomus setzen dazwischen markante Akzente, die wie zustimmende Einwürfe wirken und ihrer Stimme Nachdruck verleihen. So entsteht ein lebendiger Dialog, in dem sich die Klänge gegenseitig bestärken und die Erzählung vorantreiben.
Fazit
Das Album entfaltet sich in Zyklen aus Begegnungen, Übergängen und Momenten des Innehaltens. Die sechs Stücke wirken wie unterschiedliche Stationen einer Reise, auf der wir verweilen, weiterziehen und zu Vertrautem zurückkehren. Dabei öffnen sich facettenreiche Gefühlswelten, die an Jahreszeiten erinnern, sich jedoch keiner vertrauten Ordnung fügen. Es sind imaginäre Jahreszeiten, die auch das Dazwischen erfahrbar machen, jene kaum greifbaren Übergänge, in denen sich etwas wandelt. Es geht um etwas Unsichtbares, das sich dennoch spüren lässt: besonders in den stillen Momenten und im Wechselspiel der Kontraste, die eine fragile Balance schaffen. Die Tracks führen uns zurück zum eigenen Körper, zur Erde und zu dem, was uns trägt. So wird das Album zu einem Ort, zu dem wir jederzeit zurückkehren können.
HMOT - Here in the Future, Waiting for You
Das Album von HMOT «Here in the Future, Waiting for You» ist am 30. Oktober 2026 bei Hive Mind Records erschienen und ist via Bandcamp zu kaufen. Die Musik ist von Stas Shärifullá, Mitwirken und Lyrics von Saadet Türköz.
Die Produktion wurde unterstützt durch den RegioSoundCredit 2025/1.
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HMOT
8 000 CHF I RegioSoundCredit Tonträger I 2025
Über Agnes Leclaire
Agnes Leclaire, mit javanischen und sundanesischen Wurzeln, ist Klangkünstlerin und Forscherin und lebt in Basel. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen zeitgenössischen und traditionellen indonesischen Klangwelten, in denen Spuren der kolonialen Vergangenheit bis heute nachhallen. Geleitet von ihrer Intuition erschafft sie Klanglandschaften, in denen experimentelle Elektronik auf Echos vergangener Zeiten trifft.