Alma Negra - Free: House mit dem Geist der 90er
Es ist erstaunlich, wie weit sich diese EP vom aktuellen Clubgeschehen entfernt – und gerade darin ihre Stärke findet. Alma Negra legen mit Free eine House-Platte vor, die sich hörbar an den euphorisierenden, funky Sounds der 90er orientiert und damit eine Qualität zurück auf den Dancefloor bringt, die heute oft fehlt.
John Bürgin
Die Anfänge von Alma Negra
Alma Negra sind nicht als klassisches DJ-Duo gestartet. Zusammengefunden hat sich das Projekt in der Basler Lady Bar (die im Frühling 2016 ihre Türen schließen musste), wo Dersu Figueira, Mario Robles und Dario Rohrbach eine gemeinsame Residency aufbauen wollten – mit dem Anspruch, genreübergreifende Musik aus unterschiedlichsten kulturellen Kontexten auf den Dancefloor zu bringen. Dersu spielte damals Funk- und Boogie-beeinflusste Sets, angereichert mit Salsa, Afrobeat und karibischen Disco-Sounds, während Dario und Mario aus der elektronischen Szene kamen. Es war ein organisches Zusammenfinden, eine gegenseitige Befruchtung musikalischer Ansätze im Clubkontext.
In dieser Konstellation bewegte sich Alma Negra zunächst zwischen DJ-Crew und Liveband. Oft standen sie in erweiterter Formation auf der Bühne, arbeiteten mit Instrumenten und entwickelten Sets, die sich bewusst vom klassischen Clubformat lösten. Dieses hybride Setup trug sie auch über die lokale Basler Szene hinaus, etwa mit Auftritten am Reeperbahn Festival oder am Southport Weekender.
Alma Negra heute
Heute zeigt sich ein klar verdichtetes Bild: Alma Negra sind Dersu und sein Zwillingsbruder Diego Figueira. Die musikalische Arbeit liegt vollständig bei ihnen – Produktion und DJing entstehen gemeinsam, während Diego zusätzlich sämtliche Mixdowns und Premasterings der Releases übernimmt. Mario Robles ist weiterhin im Hintergrund tätig und kümmert sich um Label- und Promotionsarbeit. Mit dieser Verschiebung hat sich auch ihr Sound verändert. Frühere Einflüsse aus Salsa, Boogie und karibisch geprägten Disco-Sounds sind zunehmend einem stärker discoiden House-Verständnis gewichen.
Dass sich dieser Ansatz längst auch über die lokale Szene hinaus bewährt hat, zeigen Auftritte an Orten wie dem Montreux Jazz Festival, dem Paleo Festival, dem Dimensions Festival in Kroatien oder in Clubs wie dem Fuse in Brüssel und dem Kater Blau in Berlin. Konstant geblieben ist dabei die Haltung: ein ausgeprägtes Gespür für Groove, für Funkyness – und für eine Form von Clubmusik, die ihre Energie aus Positivität bezieht.
So klingt ihre Platte «Free»
Mit «Free» legen Alma Negra eine EP vor, die sich bewusst (aber ohne Kalkül) abseits aktueller Strömungen bewegt. In einer Zeit, in der viel Clubmusik zwischen generischem Großraum-Dance und glatt poliertem Afrohouse pendelt, wirkt dieser Zugriff fast schon eigensinnig. Und genau darin liegt ihre Stärke.
Die Referenz ist klar hörbar: der warme, soulful geprägte Deep House der 90er-Jahre, wie er einst in New York entstanden ist. Namen wie Little Louie Vega oder Kenny Dope Gonzalez, Projekte wie Masters at Work oder Nuyorican Soul klingen hier nicht als Zitat durch, sondern als Haltung. Es ist diese spezifische Mischung aus Wärme, Groove und musikalischer Offenheit, die sich durch die gesamte EP zieht. Gleichzeitig bleibt die Platte im Hier und Jetzt verankert – etwa wenn sich im Titeltrack «Free» zeitgenössische Disco-Elemente in den Sound einschreiben.
Produziert wurde die EP in Basel, im eigenen Studio. Auffällig ist dabei die Balance zwischen Sample-basierten Elementen und selbst eingespielten Parts. Beats, Synths und Strings entstehen größtenteils in Eigenregie, ergänzt durch gezielte Kollaborationen. So steuert Keyboarder Cedric Vogel auf «What Would You Do» markante Orgelparts bei – ein Detail, das dem Track zusätzliche Tiefe verleiht, ohne ihn aus dem Fluss zu nehmen. Überhaupt wirkt hier vieles bewusst gespielt statt nur programmiert. Die Tracks atmen, lassen Raum, entwickeln eine Dynamik, die sich nicht auf Effekt reduziert.
Dass Alma Negra nie einem klaren Trend folgen wollten, hört man dieser EP an. Stattdessen orientiert sie sich an einer Zeit, in der House vor allem eines war: funky, enthusiastisch, getragen von einer spürbaren Leichtigkeit. Eine Musik, die nicht auf Distanz funktioniert, sondern über den Körper – und darüber hinaus. Vielleicht ist es genau diese Haltung, die Free so bemerkenswert macht. Die Platte klingt nicht nostalgisch, sondern erstaunlich gegenwärtig – gerade weil sie sich auf etwas beruft, das heute oft fehlt.
Und so entsteht ein Sound, der gleichzeitig geerdet und offen wirkt. Organisch, handgemacht, mit einer Spielfreude, die sich unmittelbar überträgt – auf die Zuhörenden ebenso wie auf den Dancefloor.
Fazit
Diese EP spricht gleich zwei Zielgruppen an: Wer mit dem New Yorker und Chicagoer House der 90er-Jahre groß geworden ist, findet hier viel Vertrautes. Gleichzeitig öffnet sie diesen Sound für eine neue Generation. Ein musikalischer Lichtblick im Releasekalender dieses Aprils – und eine rundum starke Platte.
Alma Negra - Free
Die EP erscheint am 17. April auf Vinyl und digital über das Berliner, in der Szene renommierte Label Toy Tonics. Das Plattenlabel steht seit Jahren für discoide und House-geprägte Clubmusik und hat sich mit regelmäßigen Releases internationaler Acts und einer eigenen Partyreihe als feste Größe etabliert. Die Produktion wurde unterstützt durch den RegioSoundCredit 2025/3.
Verlosung
Wir verlosen ein Exemplar der Vinyl: Button klicken, Mail ausfüllen, gewinnen!
Alma Negra
Beiträge
6 000 CHF I RegioSoundCredit Tonträger I 2025
4 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2023
10 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger, Musikvideo | 2022
2 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2020
2 000 CHF | RegioSoundCredit Tournee | 2018
5 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2017
über John Bürgin
Der gebürtige Basler ist seit Anfang an beim jungen SRF-Radiosender Virus in der Musikredaktion mit dabei und ist seit einigen Jahren Teil der SRF Fachredaktion Musik und der Sounds! Redaktion bei SRF3. Dort ist er der Gatekeeper für alles Elektronische und produziert das Format «sounds!mixtape». Daneben steht er auch selbst regelmässig hinter den DJ Decks.