glitchBABY - The Fool: Acht der Stäbe
Mit dem Album «The Fool» erreicht glitchBABY aus Basel eine neue Stufe der Entwicklung. Zur Band angewachsen, ist der Hyperpop gross, unwiderstehlich und voller persönlicher Erfahrungen.
Michael Bohli
Gross sind die Sounds, wie riesige Inkarnationen klingen die Instrumente und der Raum wird von den Klängen komplett ausgefüllt. Saiten und Beats von digitalen Vibes überzogen, nicht modifizierte Töne gibt es wenige. Das ist in der Schweizer Musikszene nicht nur selten, es steht auch im Gegensatz zu den Inhalten auf «The Fool». glitchBABY ist keine laute Person, sondern ein*e Musiker*in voller nach innen gekehrter Überlegungen und nachdenklicher Textpassagen.
The Chariot
Dass diese persönliche Auseinandersetzung mit dem Dasein und unserer Gesellschaft durch den düsteren und wuchtigen Hyperpop perfekt transportiert wird, machen die acht Lieder unwiderstehlich. Zum Bandformat ausgeweitet, ist glichtBABY eine mehrschichtige, perfekt produzierte und emotionsreiche Erfahrung geworden.
Als 2023 die ersten Singles zusammen mit HATEPOP, DASHCAM*DEVI und Kiyyan erschienen, sprühten Funken und das Genre der Internetmusik wurde auch an Menschen herangetragen, die sich ausserhalb der digitalen Welten bewegen. Mit den EPs «CRYCORE» und «Pixels of Rage» hat glitchBABY die Ästhetik von Videogames, die stark verzerrten Töne aus dem Rechner und das Gespür für Melodien zusammengebracht.
In dieser Musik stehen Anime, Rollenspiele, tiefreichende Auseinandersetzungen mit der eigenen Person und lautes Rauschen im Gehörgang gleichberechtigt nebeneinander. Es ist ein massiges Amalgam der Popkultur, eine moderne Klangweise und düstere Selbstdarstellung.
The Tower
Zentrum der Musik steht die Kritik an unserem System; an Geldgier, Heteronormativität und unterdrückenden Mechaniken. Als non-binäre Person brachte glitchBABY von Beginn an queere Vibes in die Musik und nutzte Lieder, Videos und Fotos für Repräsentation und Auflehnung. Das ist DIY, ein kollaboratives Schaffen und eine Mischung aus Inspiration, Hommage und Neuerfindung.
Das alles findet sich in konzentrierter Weise auf «The Fool», die Platte fängt die Ästhetik, Sorgen und Ängste der heutigen Zeit perfekt ein. Wie können wir in einer Welt bestehen, in der täglich Minderheiten verfolgt und Hoffnungen zerstört werden? Laute Gitarren und verzerrte Stimmen helfen, ebenso bewusste Entscheidungen abseits der Norm. Als Ventil, zur Selbstermächtigung und als unterstützende Geste.
The Fool
Die Gitarren stammen aus dem Rock, die Stimmen wurden durch zahlreiche Filter gejagt, darunter brummt eine Bassspur, während jeder Beat passgenau und satt Vibrationen erzeugt. Aber nicht nur; auch Melancholie und Trost haben bei glitchBABY Platz. «Crystal Cave» ist hellklingend, «Lonely Blazing Star» macht alle Fans von Shoegaze glücklich und «Soft Ones» findet Stärke in ruhigen Strophen und Verletzlichkeit.
Diese Vielfalt macht jedes Stück auf «The Fool» zu einem Lieblingslied und die Scheibe zum Highlight in glitchBABYs bisherigem Schaffen. Wer mir nicht glaubt, hört sich das schmissige «Without You» mit Melicious an. Das Lied ist gross, kraftvoll und bleibt immer ehrlich. Und wer die erdrückenden Lasten der aktuellen Woche wegsprengenden möchte, findet bei «Isekai» und dem Titelstück die notwendigen Mittel. Brachial, gewaltig, heilend.
Es spielt keine Rolle, ob du regelmässig Tarot Karten legst oder die Bedeutung der einzelnen Figuren nicht kennst. Bei «The Fool» gewinnen wir alle und glichtBABYs Wagemut hat sich ausgezahlt. Die Veröffentlichung ist soundtechnisch beeindruckend und inhaltlich bewegend.
glitchBABY - The Fool
Das Album «The Fool» von glitchBABY in neuer Bandformation ist am 26. Juni 2026 digital erschienen.
Die Produktion wurde unterstützt durch den RegioSoundCredit 2025/1.
glitchBABY
Hyperpop, Rap, Pop, Bubblegum Trap
10 000 CHF I RegioSoundCredit Tonträger I 2025
2 000 CHF I Gewinner*in Soundclinic Herbst 2022
Über Michael Bohli
Michael Bohli lebt in Zofingen und ist gelernter Zeichner im Bereich Architektur. Die Liebe zur Musik wurde ihm in die Wiege gelegt, bis heute lodert das Feuer. Über seine Leidenschaft zur Kultur schreibt er seit längerer Zeit, etwa von 2015 bis 2022 für das Musikmagazin ARTNOIR und seit 2023 mit seinem eigenen Kulturmagazin Phosphor.
Zentral ist die Suche nach interessanten, ungewohnten Klängen, fesselnden Personen und Horizonterweiterungen.