Noémi Büchi - Exuvie: Eine brachiale Auseinandersetzung mit ständiger Transformation
Würde die Erdgeschichte vertont, mit ihren diversen brutalen Auslöschungs-Phasen und dem jeweils darauffolgenden Erblühen neuen Lebens, läge mit «Exuvie» bereits ein passender Kandidat vor. Die elf Stücke klingen als Gesamtwerk wie eine gewaltige Ursuppe, aus der immer wieder eine vielfältige Biosphäre herauswächst.
Nik von Frankenberg
Die Franco-Schweizerin Noémi Büchi setzt auf ihrem dritten Album von Beginn an ein klangliches Statement. Hier wird der Raum bis auf den letzten Kubikmillimeter mit Sound gefüllt. Die Synthesizer stapeln sich in dynamischen Verläufen im ganzen Frequenzspektrum übereinander, die Drums sind wuchtig und drumherum zischt und vibriert es. Immer wieder schälen sich neue Muster, Akkorde, Stimmfetzen, unerwartet klassische Instrumente und Melodieansätze aus einer sich stetig transformierenden Wall Of Sound. «Exuvie» klingt beim ersten Hören sperrig und schwer greifbar. Es ist kein entspannter Backgroundsound zum Einkaufen oder nebenher mal kurz Wäsche machen. Seine Kraft entwickelt das Album bei der Hingabe und beim mehrmaligen Hören. Dann entstehen Bilder im Kopf, die auch nachhallen, wenn die Musik verstummt ist.
Kein Album für die Stilschublade
Stilistisch bewegt sich Noémi Büchi in ihrer eigenen Welt, die musikalischen Inspirationspfade sind bestenfalls angedeutet. Auf «I suppose» fliegen einem die Synthlines mit dem Charakter eines treibenden Technotracks um die Ohren, auf «a divided surface» tanzt ein Dubstep-Riff über dramatischen Pads mit einem simplen aber effektiven Bläsermotiv. In «dislocated bodies» wiederum, erinnert zunächst ein staubiger Pianoloop an den dystopischen früh-90er Hiphop von Nas oder Mobb Deep, bevor zwischen Stimmfragmenten und melancholischen Chords eine intime Atmosphäre entsteht.
Gerade in letzterem Stück «dislocated bodies» offenbart sich Noémi Büchi’s konzeptionelle Inspiration: Francis Bacon’s gleichnamige Auseinandersetzung mit der gewaltsamen Deformation des Körpers. Bacon’s fordernde Bildgewalt findet eine bei ihr eine klangliche Manifestation: Die heranwachsenden Harmonien sind flüchtig und immer dem allgegenwärtigen Transformationsprozess untergeordnet, ihr Zerfall ist bereits programmiert. Was bleibt, ist die Erinnerung an sie.
Der Titel ist Programm
Das spektakuläre, organisch anmutende Chaos vermag Noémi Büchi gekonnt zu kanalisieren: Bei allem spektakulären Bombast zieht sich eine Stringenz durch «Exuvie», es gewinnt stets die Reduktion und der Fokus auf das Wesentliche. Die dichten, melodischen Synths sitzen im Zentrum des Geschehens, sie sind nicht nur ein Teil der Komposition, sondern ihr Skelett.
Entsprechend passend ist der Albumtitel «Exuvie» gewählt. Die abgestreifte Hülle, wie sie von Arthropoden (Spinnen, Schlangen, Krebsen) nach dem Häutungsprozess zurückgelassen wird, versinnbildlicht den sich entwickelnden Körper, zwischen Erinnerung, Neustart und abgelegtem Ballast.
Noémi Büchi - Exuvie
Die Platte erscheint am 27. Februar 2026 bei OUS und kann auf Bandcamp bestellt werden. Die Produktion wurde unterstützt durch den RegioSoundCredit 2025/2.
Live
27. März 2026 - Dampfzentrale, Bern CH-Premiere
Verlosung
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Noémi Büchi
Beitrag:
5 000 CHF I RegioSoundCredit Tonträger I 2025
About Nik von Frankenberg
Nik von Frankenberg ist Produzent für Podcasts, Soundtracks und eigene Entwürfe der Clubmusik, angesiedelt irgendwo im Spannungsfeld von Techno, Jungle, Hardcore und ihren modernen Ausprägungen. Jahrzehnte des masslosen Konsums spannender Musik und der entsprechenden Begleitmedien durfte er als Musikredaktor, Jurymitglied, Broadcaster und Hobbyjournalist auch auf gesellschaftlich akzeptierten beruflichen Wegen anwenden.
Durch seine Aktivitäten als DJ, Veranstalter und Freund des Feierns mit Musikbegleitung kennt er die Clubkultur und ihre Entwicklung im In- und Ausland von allen Seiten.