QZB’s «Dreams To Dust»: Vom Loslassen und Zusammenfinden

Release Reviews
QZB © Samuel Bramley
QZB © Samuel Bramley

Mit «Dreams To Dust» veröffentlichen QZB ein vielschichtiges und dramaturgisch bemerkenswertes zweites Album, das zwischen brachialem Neurofunk, futuristischen Breakbeats, technoider Härte und filigranen Vocal-Passagen oszilliert. Die 15 Tracks umfassende 2x12"-LP führt tief in die Klangwelt des Basler Duos und beweist eindrucksvoll, wie vielseitig Drum & Bass sein kann – und wie sehr das Tandem diese Mannigfaltigkeit beherrscht. «Dreams To Dust» ist ein Album über Vergänglichkeit, Präzision und menschliche Nähe – und zugleich eine konsequente Weiterentwicklung dessen, was QZB mit ihrem Debüt «Future Forever» etabliert haben.

Album Review

Kaum ein musikalischer Zusammenschluss bewegt sich so mühelos innerhalb eines Genres wie es QZB tun. Mit einer bemerkenswerter Leichtigkeit reichern sie ihr künstlerisches Schaffen mit den Nuancen unterschiedlichster Stilrichtungen an, ohne dabei ihre musikalische Homebase aus den Augen zu verlieren. So sind Präzision, Effizienz und ein ausgeprägtes Gespür für Sounddesign unverhandelbare Bestandteile ihrer Arbeit.

Hinter dem Projekt QZB stehen Thomas Koubik alias QBIG und Benjamin Ramsauer alias Zenith B, die bereits seit über einem Jahrzehnt gemeinsam Musik machen und tief in der internationalen Drum & Bass Szene verwurzelt sind. 2017 formierten sie sich offiziell unter dem Namen QZB und fanden mit ihrer ersten Veröffentlichung auf Critical Music eine langfristige musikalische Heimat. Das Londoner Label gehört seit über zwei Jahrzehnten zu den richtungsweisenden Institutionen des Genres und bietet dem Basler Duo nun einmal mehr den passenden Resonanzraum für die kompromisslose Auseinandersetzung mit seiner Kunst.

Auf ihrem 2023 erschienenen Debütalbum «Future Forever», etablierte das Duo eine beeindruckende, hochpräzise Klangästhetik. Mit «Dreams To Dust» bleibt diese technische Perfektion bestehen, wird jedoch um eine deutlich menschlichere und rohere Dimension erweitert. Während viele Gastbeiträge auf dem Debütwerk noch aus der Ferne entstanden, holten QZB die beteiligten Vocalist:innen dieses Mal ins eigene Studio nach Basel. So sind die vielseitigen Features viel mehr als ein zusätzliches Element des Albums, sie sind elementarer Bestandteil der Entstehungsgeschichte der Veröffentlichung.

Der Albumtitel wird dabei zum zentralen Gedanken ebendieser Geschichte: Letztlich zerfällt alles zu Staub. Was bleibt, sind Fragmente, Erinnerungen und Beziehungen. Gerade diese Idee spiegelt sich in der musikalischen Sprache des Albums wider. QZB greifen einzelne Elemente auf, verzerren sie, lassen sie verschwimmen und setzen sie immer wieder neu zusammen. Auch die verschiedenen Stimmen auf «Dreams To Dust» tragen zu diesem Gefühl bei. Sie verleihen der Präzision immer wieder eine spürbar menschliche Tragweite. Dabei schöpft das Duo aus der enormen stilistischen Vielfalt von Drum & Bass. Der Sound lebt von der Wechselwirkung unterschiedlicher Elemente und QZB bedienen sich souverän dieses Genre-Werkzeugkastens.

«Dreams To Dust»: Zwischen technischer Raffinesse und emotionaler Tiefe

Mit dem Opener «Deux» legen QZB die Spur, der das Album folgt. Orchestrale, anmutende Streicher und dystopische Synthesizerflächen zeichnen zunächst eine düstere, heroische Geschichte. Dann bricht eine tiefe, schwere Basslinie durch die Szenerie und führt das Stück mit Nachdruck in die Welt des Drum & Bass. QZB verbinden hier Atmosphäre und physische Wucht auf eine Weise, die den dramaturgischen Anspruch des Albums bereits zu Beginn deutlich macht. «Last Breath» führt diese Spannung weiter und bringt mit Rue More eine klare, ergreifende Stimme ins Zentrum. Rue More ist das Electronica-Projekt der Schweizer Musikerin Zoë Më, deren Gesang sich bemerkenswert organisch in das ausgefeilte Sounddesign von QZB einfügt. Zwischen den druckvollen Rhythmen und den dunklen Bassflächen entsteht eine fragile Intimität. Ein Stück, das seinem Titel entsprechend bis zum letzten Atemzug fesselt.

Dann öffnet «Juniper» ein neues Klangfeld. Ein technoides Intro mit Rave-Ästhetik baut Spannung auf, bevor sich der Track kraftvoll entfaltet. Industrielle, futuristische Elemente treffen auf einen kräftigen Roll, der die Energie konsequent vorantreibt. QZB zeigen hier eindrucksvoll, mit welcher Selbstverständlichkeit sie Genregrenzen aufbrechen und sich unterschiedlichster Spieleraten elektronischer Musik bedienen. «Diamonds» nimmt anschliessend etwas Tempo aus der Härte, ohne an Intensität einzubüssen. Sydney Bryces Stimme bildet einen spannenden Kontrast zum wohl spannendsten Beat-Fundament des gesamten Albums. «Diamonds» zelebriert das Momentum der Leichtigkeit – verspielt, grazil, liquid.

«Polymer»schlägt daraufhin wieder deutlich härtere Töne an. Der Track gestaltet sich reduzierter und lebt gerade dadurch von einer enormen Spannung. Ein langer Break hält die Energie zurück, repetitive Vocals halten dennoch den Vibe aufrecht und die einzelnen Elemente scheinen sich langsam aneinanderzureihen. Der Titel lässt sich dabei beinahe als musikalisches Prinzip verstehen: Wie sich Polymere aus kleinsten Einheiten zusammensetzen, verbinden QZB einzelne Klänge zu komplexen Strukturen. Es entsteht ein grosses Ganzes. Ein Stück, das angesichts seiner eigenwilligen, ausgeklügelten Konstruktion gefeiert gehört. «Into The Dark» feat. SOLAH bricht im Anschluss den brachialen Charakter von «Polymer» gekonnt auf. SOLAHs Stimme schwebt über ein perkussiv-getriebenes Gerüst und verleiht dem Track eine warme, schwerelose Note, bevor «Interlude Part 1» eine musikalische Atempause schafft und seine architektonische Funktion innerhalb des Albums übernimmt. «Surface Tension» setzt dann die Dramaturgie fort – und reizt die Kunst des Storytellings gekonnt aus. QZB spielen hier mit Erwartung und Auflösung und schaffen eine Dynamik, die gerade deshalb fesselt, weil sie den Moment des vermeintlichen Zusammenbruchs immer wieder hinauszögert.

Duskees Stimme, die dann bei «Colder At The Peak» als rhythmisches Element den Track vorantreibt, wird gar selbst zum Instrument. Mit der souveränen lyrischen Delivery des Londoner Artists schaffen QZB auf einem brachialen Beat ein wahrhaftiges Meisterwerk. «Low Light Protocol» feat. Charli Brix öffnet anschliessend erneut einen spannenden Raum, in welchem die soulig-warme Stimme der Artist Stärke und zugleich Verletzlichkeit in die Komposition bringt. Charli Brix hat bereits auf «Future Forever» mit QZB zusammengearbeitet und verstand es damals wie auch heute den präzisen Klangstrukturen eine besondere Tiefe zu verliehen. Gerade in diesen Vocal-Passagen zeigt sich eine der bemerkenswertesten Entwicklungen von «Dreams To Dust». Wo Drum & Bass historisch stark von instrumentalen Strukturen geprägt wurde, übernehmen bei QZB die Stimmen eine zusätzliche erzählerische Funktion. Sie bilden emotionale Gegenpole und greifen rhythmisch in die Produktion ein. Das Duo scheint diese unterschiedlichen Formen nicht zufällig einzusetzen, sondern nutzt sie, um die Stimmung des Albums immer wieder neu auszurichten.

«Oppressor» zieht sich dann im richtigen Moment in die Distanz zurück. Verwaschene Sounds wirken wie Erinnerungsfetzen, während verzerrte Vocals und Sound-Elemente tief im Mix verborgen liegen. QZB greifen hier die Idee der Vergänglichkeit erneut auf: Etwas war einmal deutlich, verliert seine Konturen und bleibt dennoch als Erinnerung bestehen. «Interlude Part 2» schafft dann die Überleitung zu «Hollow Seconds» feat. MAREA, die ebenfalls bereits auf «Future Forever» als Gastvokalistin vertreten war. Ihre klare Pop-Stimme bildet einen starken Gegenpol zu den druckvollen Bässen. «Hollow Seconds» hält den epischen Charakter des Albums hoch und führt die Geschichte mit einer bemerkenswerten Offenheit weiter.

«Cloudbreak» greift schliesslich erneut das zentrale Motiv des Albums auf. Verzerrte Elemente tauchen wieder auf, werden jedoch in eine verspieltere Umgebung gesetzt. Eine flirrende Synthline schlängelt sich durch den Track, während die einzelnen Bestandteile scheinbar nach ihrem Platz suchen – und ihn schliesslich auch finden. Das Stück wirkt dadurch beinahe wie ein musikalisches Abbild der gesamten Veröffentlichung: Fragmente lösen sich auf, verändern ihre Form und finden in einer neuen Ordnung wieder zusammen. Dann folgt mit «Dreams To Dust» der Titeltrack und gleichzeitig der Abschluss dieser Reise. Alles zerfällt zu Staub – doch die Musik hält noch einmal inne. HAPPY JAY verleiht dem Closing-Track mit einer markanten Stimme besondere Stärke. Als Artist aus Basel und Gewinner:in der Soundclinic des Musikbüros 2025 fügt sich HAPPY JAY zugleich organisch in das lokale Umfeld ein, aus dem QZB selbst hervorgegangen sind. Der Beitrag rückt noch einmal jene persönliche, menschliche Komponente ins Zentrum, die sich durch das gesamte Album zieht.

Mit «Dreams To Dust» liegt ein Werk vor, das die vermeintlichen Gegensätze von technischer Präzision und emotionaler Verletzlichkeit miteinander versöhnt. Das Album lebt von seiner sorgfältig aufgebauten Dramaturgie, den zahlreichen musikalischen Wechselwirkungen und dem Mut, zwischen brachialem Druck und fragilen Momenten zu pendeln. Dabei gelingt es QZB, die Energie des Dancefloors in eine zusammenhängende musikalische Erzählung zu überführen. «Dreams To Dust» handelt vom Loslassen, vom Zerfallen und vom Neuanfang – und davon, wie aus einer langjährigen musikalischen Verbindung etwas entsteht, das weit über reine Funktionalität hinausgeht.

Cover QZB - Dreams to Dust
Cover QZB - Dreams to Dust

QZB - Dreams to Dust

Das zweite Album von QZB «Dreams to Dust» ist am 2. Oktober 2026 bei Critical Music erschienen und ist via Bandcamp zu kaufen.

Die Produktion wurde unterstützt durch den RegioSoundCredit 2025/1.

Hier an der Verlosung teilnehmen!

QZB

QZB © 2020
QZB © 2020
28/02/2025

Beiträge
4 000 CHF I RegioSoundCredit Tonträger I 2025
20 000 CHF I Gewinner Jurypreis des Basler Pop-Preis I 2024
5 000 CHF | RegioSoundCredit Musikvideo | 2023
6 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2020

About Aline Fürer

Aline Fürer verantwortet die Redaktionsleitung des Online-Portals ubwg.ch (Unsere Beweggründe GmbH), das sich mit der elektronischen Musik- und Clubkultur in der Schweiz auseinandersetzt. Zudem ist sie als Musik- und Kulturschaffende in verschiedenen Projekten und Mandaten tätig – so hat sie unter anderem bei der ‘Techno Worlds’ / ‘The Pulse Of Techno’-Ausstellung in der Photobastei mitgewirkt, schrieb schon für das Groove-Magazin in Berlin und engagiert sich für diverse Musik- und Kulturinstitutionen- und Projekte in der Schweiz – so unter anderem für die Zukunft (Bar3000 / Waxy Bar), das m4music Festival oder die Zurich Music Week (ZMW). Als DJ und Produzentin gehört sie dem Zürcher Label Les Enfants Terribles (L.E.T) an und führt zudem ihr eigenes Event- und Musiklabel ‘The Pluto Question’ (TPQ).