Gomorra - «Emere Me»: Zwischen Kontrolle, Unruhe und Aufbruch
Mit «Emere Me» veröffentlicht der Basler Künstler Gomorra ein atmosphärisches und eindringliches Werk, das sich zwischen hypnotischer Wiederholung, dystopischer Spannung und kompromissloser Dancefloor-Energie bewegt. Die achtteilige LP entfaltet sich wie ein cineastischer Streifzug durch dunkle Klanglandschaften und beweist eindrucksvoll, wie facettenreich und narrativ Techno sein kann.
Aline Fürer
Seit jeher prägen Rhythmus, Präzision und repetitive Strukturen das musikalische Schaffen von Franco Caggese alias Gomorra. Bereits als Achtjähriger entdeckte er über das Schlagzeug seine Leidenschaft für Musik, bevor ihn seine ersten Drum Machines und Synthesizer zunehmend tiefer in die Welt der elektronischen Sounds eintauchen liessen. Heute findet sich im musikalischen Selbstverständnis des Basler DJ und Produzenten insbesondere die futuristische Ästhetik des Detroit Techno. Sein jüngstes Werk scheint nun diese langjährige und dezidierte Auseinandersetzung mit der Musik in einem klangarchitektonischen Meisterwerk zusammenzubringen.
Gomorras visionäres Verständnis für Musik zieht sich wie ein roter Faden durch «Emere Me». Die Veröffentlichung versteht sich weniger als lose Track-Sammlung, sondern vielmehr als zusammenhängendes Narrativ, das seine Spannung konsequent über beide Vinyl hinweg aufrechterhält. Gomorra gelingt es dabei, geheimnisvolle Ambient-Flächen, avantgardistische Texturen und druckvolle Techno-Strukturen miteinander zu verweben, ohne jemals vom Leitgedanken des Releases abzukommen. Die Stücke greifen ineinander, entwickeln sich weiter und erzeugen eine eigentümliche Wechselwirkung zwischen Kontrolle, Unruhe und Aufbruch.
Dass Gomorra ein feines Gespür für dramaturgische Tiefe besitzt, überrascht kaum. Über Jahre hinweg entwickelte er seinen Sound als Resident der Basler Institutionen «Nordstern» und «Elysia» kontinuierlich weiter. Zudem etablierte er gemeinsam mit seinem Kollektiv «Rehbellen» eine eigene Szene in Basel, die den rauen und hypnotischen Geist des Berliner Techno aufgriff und weiterdachte. Auch das Faible für Vinyl prägt Gomorras Verständnis von Musik bis heute – ein Umstand, der sich in «Emere Me» gelungen zeigt.
«Emere Me»: Im Fluss der Wiederholung
Der Opener «Kind Der Nacht» punktet bereits mit beeindruckender Präzision. Verspielte, gar galaktisch wirkende Sounds breiten sich flächig über ein episches Fundament aus – das Stück gibt klar die Richtung der Veröffentlichung an. Gomorra erschafft hier eine dichte Atmosphäre, die weniger auf unmittelbare Eskalation setzt, sondern vielmehr auf Spannung, Weite und das langsame Eintauchen in seine Klangwelt. «Kaufe Mich» zieht die Intensität dann spürbar an. Der Track groovt unermüdlich und bleibt dabei von einer mystischen Grundstimmung durchzogen. Eine hypnotische Synthesizer-Line schlängelt sich konsequent durch das gesamte Stück und entwickelt eine tranceartige Wirkung, bevor sie schliesslich elegant in das darauffolgende «Golem Intro» übergeht. Dieses greift die geheimnisvolle Handschrift der A-Seite erneut auf und wirkt wie ein schattenhafter Übergangsraum zwischen den Kapiteln der Geschichte.
Mit «Golem» verdichtet Gomorra die Energie erneut. Treibende Rhythmen und markante, wiederkehrende Elemente zeigen eindrucksvoll, wie vielseitig Wiederholung innerhalb dieser Veröffentlichung eingesetzt wird. Gerade darin offenbart sich die besondere Stärke der LP: Gomorra erzählt eine Geschichte, ohne sich dabei auf offensichtliche dramaturgische Brüche verlassen zu müssen. Vielmehr entwickelt sich die Spannung subtil, beinahe organisch.
«Hong Kong» eröffnet die zweite Vinyl mit einer sehr dystopischen Ästhetik. Verzerrte Klänge, dunkle Texturen und eine Stimme aus dem Schatten verleihen dem Stück eine beklemmende Intensität, die sich langsam und unheilvoll ausbreitet. Das darauffolgende «Ripper» schreitet selbstbewusst und mit grossen Bewegungen in Richtung Dancefloor. Kraftvoll und direkt hält der Track dennoch konsequent an der mystischen und düsteren Grundstimmung der Veröffentlichung fest. «Sturmwarnung» führt diese Spannung anschliessend weiter und entwickelt dabei einen aufwühlenden Charakter. Der Track bewegt sich achtsam und dennoch drängend vorwärts, während schleifende, sägeartige Geräusche die Struktur immer wieder aufbrechen und eine unterschwellige Unruhe erzeugen. Mit «Abspann» findet die Veröffentlichung schliesslich ihren Abschluss – oder vielmehr ein bewusst offenes Ende. Der Closing-Track umarmt die Hörer*innen mit einer sanften Stimme und entlässt die Geschichte nicht in Auflösung, sondern in einen nachhallenden Schwebezustand zwischen Melancholie, Ungewissheit und Weite.
Mit «Emere Me» erschafft Gomorra ein Werk, das weit über funktionalen Peak-Time-Techno hinausgeht. Die LP lebt von ihrer erzählerischen Konsequenz, ihrem Gespür für Atmosphäre und der Fähigkeit, Spannung über lange Strecken subtil aufzubauen.
Gomorra - Emere Me
Das Album ist am 23. Mai 2026 erschienen und kann auf Soundcloud gekauft werden werden. Die Produktion wurde unterstützt durch den RegioSoundCredit 2025/1.
Verlosung
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Gomorra
Beiträge:
6 000 CHF I RegioSoundCredit Tonträger I 2025
About Aline Fürer
Aline Fürer verantwortet die Redaktionsleitung des Online-Portals ubwg.ch (Unsere Beweggründe GmbH), das sich mit der elektronischen Musik- und Clubkultur in der Schweiz auseinandersetzt. Zudem ist sie als Musik- und Kulturschaffende in verschiedenen Projekten und Mandaten tätig – so hat sie unter anderem bei der ‘Techno Worlds’ / ‘The Pulse Of Techno’-Ausstellung in der Photobastei mitgewirkt, schrieb schon für das Groove-Magazin in Berlin und engagiert sich für diverse Musik- und Kulturinstitutionen- und Projekte in der Schweiz – so unter anderem für die Zukunft (Bar3000 / Waxy Bar), das m4music Festival oder die Zurich Music Week (ZMW). Als DJ und Produzentin gehört sie dem Zürcher Label Les Enfants Terribles (L.E.T) an und führt zudem ihr eigenes Event- und Musiklabel ‘The Pluto Question’ (TPQ).