Harvey Rushmore & The Octopus - Mindsuckers: Mit dem Surfbrett durch die Dystopie

Release Reviews
Harvey Rushmore & The Octopus © Nikita Thevoz
Harvey Rushmore & The Octopus © Nikita Thevoz

Harvey Rushmore & The Octopus entwerfen auf ihrem vierten Studioalbum eine emotionale Landkarte der öffentlichen Ohnmacht. Vieles ist gezeichnet von digitaler Paranoia und sozialer Verwahrlosung. Und trotzdem: Der Psych-Rock Sound der vier Freunde schlägt Wellen einer trotzenden Gemeinschaft – back in the garage.

Album Review

Man male sich mal diese Landschaft aus: Säurehaltige Flüsse schlagen Kurven wie Narben durch das Gemüt der warmen Haut. Der Mond liegt kalt im Himmel und am Rand der Szenerie warten trippende Hasen auf den Sprung ins Nirvana. Weitläufig – und doch klaustrophobisch. Das Zürcher Label Taxi Gauche, welches am Freitag, den 13. März die neue Rushmore Scheibe veröffentlicht, nennt diese Spannungen auch: Nostalgie vs Future Dread. 

Paranoia und Kontrollverlust

Als Harvey Rushmore & The Octopus im 2017 ihr erstes Album rausbrachten, war die Welt noch eine andere. Trump griff gerade erst zum Zepter, Federer spielte wieder mal gegen Nadal, Stranger Things war bloss zwei Staffeln alt. Das klingt eigentlich gar nicht mal so anders, und doch lagen massgebende gesellschaftliche Wandlungen wie Pandemie, ChatGPT oder ein russischer Angriffskrieg auf die Ukraine ausserhalb unseres täglichen News Feeds. Man könnte hier jetzt noch viele weitere grässliche Dinge aufzählen, und umso mehr verstehen, wie es zur Geburt der titelgebenden Monster des Albums kam, den «Mindsuckers».

Wie bleibt man da bitte noch bei Verstand?
Massimo Tondini: “Mich hat in den letzten zwei Jahren stark beschäftigt, wie ich mit meiner Aufmerksamkeit umgehe. Es gibt so viele düstere Themen, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchen wollen. Die Idee war, diesen Kräften ein Gesicht zu geben – eben die «Mindsuckers», die dir den Geist aussaugen.”

Sind B-Movies heute eine gute Form von Eskapismus? 
Massimo Tondini: “Ja, weil sie schwere Themen mit einer gewissen Ironie oder Leichtigkeit verbinden. Diese Prise Humor tut gut.”

Nostalgie

Auch der Rest der Bande – Stefan Cecere (Keys, Projections), Jonathan Meyer (Bass) und Jakob Läser (Drums) ist nach bald zehn Jahren zu so etwas wie einer eigenen Kreatur herangewachsen. Harvey Rushmore & The Octopus, mit ihren motorischen Beats, ausschweifenden (aber nicht ausufernden) Tone-Bender Soli, den atmosphärischen Synths und dem treibenden Bass bespielen seit jeher einen Raum, der sich soundmässig zwar gut und gerne an den Psych & Garage Roots der amerikanischen 1960s bedient, und doch einer ganz eigenen Ästhetik folgt, einer B-Movie Ästhetik, wenn man so möchte.

Future Dread

Glücklicherweise ist Mindsuckers, das neue Album der erfahrenen Psychrockern kein reiner Eskapismus Trip. Obwohl der Entstehungsprozess teilweise digital stattfand, wurde das Album erneut auf Tape aufgenommen – was dem Sound eine warme, leicht verwaschene Psychedelia verleiht. Trotzdem flackert das Licht der Dunkelheit das ganze Album hindurch mit, oder wie es im Song Acid River noch besser ausgedrückt wird, «the shadows start to sing». Thematisch bewegen wir uns also praktisch in einem Albtraum, der natürlich viel zu nah an unsere IRL Existenz andockt, wenn es weiter heisst:

“I wanted to be free, never wanted to be me,
I need to stick a needle in this marvel dream “

Es ist nicht aus der Luft gegriffen, diesen wunderbaren Marvel Dream mit einem digitalen Raum zu vergleichen, welcher so viel Platz von uns beansprucht, und auch in unsere organische Gedankenwelt eindringt, bis uns im schlimmsten Fall der eigene Kopf platzt. So auch passiert im Kultfilm "Scanners" (1981) von David Cronenberg. Massimo erzählt, wie sie den Film zusammen geschaut haben, was "eine ziemlich surreale Erfahrung" gewesen sei. Schliesslich sei dieser Film auch der Ideengeber für den Song «Mindsucker» gewesen, mit Samples aus dem Film inklusive. Heute gilt der Film als Body Horror Kultklassiker, dank seiner Auseinandersetzungen mit den Themen Mensch & Maschine oder auch Macht & Männlichkeit.

Stefan Cecere: "Ich sehe vieles erst im Nachhinein. Die düsteren Sounds, Sirenen, diese Atmosphäre – und gleichzeitig darf es auch bizarr oder unperfekt sein. Nicht alles muss hochglanzpoliert sein. Das Spielerische ist schön."

Ist «Mindsuckers» ein politisches Album?
Massimo Tondini: "
Ein bisschen, ja. Aber nicht anklagend oder mit erhobenem Zeigefinger."

«Mindsuckers» ist das vierte Album der Basel-Bern-Bande Harvey Rushmore & The Octopus. Neun Songs legen eine emotionale Landkarte aus Nostalgie und Future Dread frei: motorischer Garage-Rock, psychedelische Klangflächen und die Paranoia einer digital überreizten Gegenwart. Anstatt vor der Dystopie abzuhauen, surfen Harvey Rushmore & The Octopus mitten durch sie hindurch – mit Fuzzpedalen, treibenden Beats und einer Prise B-Movie-Ironie. More exploding heads, please!

Harvey Rushmore & The Octopus - Mindsuckers, 2026
Harvey Rushmore & The Octopus - Mindsuckers, 2026

Harvey Rushmore & The Octopus

Die Platte erscheint am 13. März 2026 bei Taxi Gauche Records und kann auf der Website bestellt werden. Die Produktion wurde unterstützt durch den RegioSoundCredit 2025/3.

Live

27. März 2026 - Point 11, Sion
28. März 2026 - L'écruie, Genève
4. April 2026 - Nouveau Monde, Fribourg
9. April 2026 - Rössli, Bern
10. April 2026 - Hirscheneck, Basel
11. April 2026 - Royal, Baden
14. April 2026 - Chrüsimüso Rec., Biel

Verlosung

Wir verlosen ein Exemplar der Vinyl: Button klicken, Mail ausfüllen, gewinnen!

About Mirco Kaempf

Sein Leben begann mit einer Best-Of-Kassette der Beatles, welche ihm bis heute noch in den Ohren klingt und die Pforten zur Welt öffnete. Zwischen Harmoniesucht & Destruktionslust besuchte er in London eine Kunstschule, wo er vor allem für Malerei, romantische Dichter*innen & Punk Superheroes schwärmte. Seit 2016 ist er Co-Verantwortlicher des Radio X Musikprogramms, wo er sich begeistert, für Klänge abseits des Kanons. Er ist MAZ dipl. Journalist.