Noti Wümié - Sorry Zäme: Mit der Leichtigkeit im Blick

Reviews
Noti Wümié © Samuel Bramley, 2024
Noti Wümié © Samuel Bramley, 2024

Der Zweitling von Noti Wümié dreht sich um verspielt vertonte Themen wie Widerstand, Einsichten, Ausflüchte und die bedingungslose Liebe. Trotzdem oder gerade deshalb klingt das Duo nochmals ein gutes Stück reifer.

Album Review

2013 erzählte Grégoire Vuilleumier alias Greis gegenüber der «TagesWoche» von «Madeleine», einer Chanson-EP. Was man damals noch nicht wusste: Die von Benjamin Noti produzierte Veröffentlichung sollte nicht unter dem Namen des (zu jener Zeit in Basel lebenden) Berner Rappers erscheinen, sondern als Gemeinschaftswerk eines Duos: Noti Wümié. Fünf Jahre später legte die bernische-baslerische Freundschaft «Nouvelle Frisüre» nach, ihren ersten Longplayer (Hier gehts zum Review von damals). Dieser präsentierte sich betont beschwingt, aber auch offen für Fragiles und eine unterschwellige Melancholie.

Geplatzte Boybandträume

Jetzt meldet sich Noti Wümié zurück – mit elf neuen Songs und dem Album «Sorry zäme». Was die zwei Musikschaffenden überhaupt miteinander verbindet? Laut dem Pressetext öffnen sie einander Räume und verstehen es, gegenseitig ihre jeweilige Spielfreude zu befeuern. «Sie sind ein unwahrscheinliches Duo. Eine versehentliche Boyband. Und sie tun einander gut», ist da weiter zu lesen. Das ist natürlich reinste Schaumschlägerei, hat aber gleichwohl was. Wobei: Mittlerweile ist Vuilleumier/Wümié ja bereits 45-jährig. Ein Alter, in dem Boybandträume eigentlich längst geplatzt sein sollten. Zumal der selbsternannte Brillenfetischist mittlerweile Vater geworden ist und sich jetzt nicht nur mit seinem Kind, sondern auch immer wieder mit Fragen der Gleichberechtigung konfrontiert sieht, wie sich im Track «A dire Sitte» nachverfolgen lässt.

Noti Wumié - A dire Siite (Live)

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Während es im sanft gerappten Song um Privilegien, verletzende Parolen, Opferrollen und nicht zuletzt um Einsichten und Ausflüchte geht, leidet der aus der Berner Chlyklass-Crew hervorgegangene Sänger im Track «Ballöön» augenscheinlich unter seinem Nachwuchs, der zwar sein Glück sei, ihn jedoch nächtens um den Schlaf bringe. «Du machsch mi kaputt», klagt er ebenso hilflos über das ihn konstant begleitende «Gegränne». Was macht, dass Wumié zwischen unterdrückter Genervtheit und besänftigendem Gutenacht-Gesang hin- und herschwankt. Begleiten lässt er sich dabei von betont beschwichtigenden Klängen ab der akustischen Gitarre und dem Keyboard. Schliesslich gilt es, die Ruhe zu bewahren.

Fern von Kitsch und falschen Gefühlen

Als Greis widmet sich der Musiker, mit Vorliebe persönlichen Befindlichkeiten sowie politischen und sozialen Missständen. Bei Noti Wümié verhält sich das ähnlich. Weshalb sich die beiden auch dazu entschieden haben, «Victor Jara» von Aernschd Born zu covern. Das Lied von 1975 dreht sich um das Leben und insbesondere um den gewaltsamen Tod des Sängers und Theaterregisseurs, der 1973 dem Putsch der chilenischen Militärs zum Opfer fiel. Derweil das Original deutlich in die Jahre gekommen ist, gelingt es Noti Wümié, das Stück nicht nur ins Berndeutsche, sondern auch in die Moderne zu übertragen. Obschon sich ihre Version mit himmlischen Chörli angereichert zeigt, ist sie fern von jeglichem Kitsch und falschen Gefühlen. Vielmehr ist ihre Fassung aufrichtig, stark und weiss mit jeder Note zu berühren.     

Nebst dem elegant walzernden «Vilech schaffis morn» gilt es ebenso das Element of Crime-Cover «Am Endi denki immer nur a di» (im Original: «Am Ende denk ich immer nur an dich») zu erwähnen, mit dem die beiden Schweizer der Liebe ein kleines und klangvolles Monument errichten. Wer sich die elf Nummern von «Sorry Zäme» zu Gemüte führt, die mal in französischer Sprache, mal in Mundart daherkommen, kommt zum Schluss, dass das Duo von Thema zu Thema hüpft, die Dinge beim Namen nennt und gerne in die Tiefe geht, ohne dabei die Leichtigkeit aus den Augen zu verlieren. Ganz so nah am Chanson wie noch auf «Nouvelle Frisüre» agieren Noti Wümié nicht mehr. Jetzt gesellen sich verstärkt Rap und Pop zu ihrem Sound. Es ist eine klangliche Dreifaltigkeit, die eingängig, gekonnt und reif wirkt. Vor allem aber warten die beiden mit einer ebenso heterogenen wie eklektischen Songkollektion auf, die man sich gönnen sollte.    

Noti Wumié - Imposteur

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Noti Wumié - Sorry Zäme, 2024
Noti Wumié - Sorry Zäme, 2024

Noti Wumié - Sorry Zäme
Das Album ist am 15. März 2024 im Eigenverlag erschienen. Bestellbar bei Bakara und hörbar auf allen bekannten Plattformen. Unterstützt wurde die Platte durch den RegioSoundCredit 2023/2.

Vinyl Verlosung
Das Musikbüro verlost 1 Exemplar der Vinyl.
Teilnehmen: E-Mail ans Musikbüro senden. Es wird keine Korrespondenz geführt.

Live

  • 22.3.24, La Cappella, Bern - Plattentaufe 1/2
  • 28.3.24 Parterre One, Basel - Plattentaufe 2/2
  • 12.3.24 KreuzKultur, Solothurn
  • 19.4.24 Sternenkeller, Rüti ZH
  • 17.5.24 Gasthof Schnittweierbad, Steffisburg
  • 14.9.24 Ökogärtnerei Maurer, Münsingen
  • 25.10.24 Konservi, Seon

Noti Wümié

Noti Wümié © Samuel Bramley, 2024
Noti Wümié © Samuel Bramley, 2024
11/03/2024

Beiträge
7 500 CHF | RegioSoundCredit Tonträger, Musikvideo | 2023
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2015
3 000 CHF | RegioSoundCredit Tonträger | 2013

About Michael Gasser

Hat seine Liebe zur Musik mal zu seinem Job gemacht und beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit Pop, Rock und Folk. Der frühere Surprise-Chefredaktor und Redaktionsleiter des Kulturmagazins «041» gehört heute dem Pressebüro Kohlenberg in Basel an, wo er mehrheitlich für Behörden und Unternehmen textet – ganz vom Musikjournalismus mag er aber nach wie vor nicht lassen.