UFO – IV.III & IV.IV: Songs von den Rändern der Musik
Die Band UFO ist nicht wirklich eine Band, sondern mehr eine lose Kerngruppe, die in wechselnder Besetzung mit den unterschiedlichsten Musiker*innen zusammenarbeitet. Und ihr gerade abgeschlossenes Pop-Projekt ist nicht wirklich Pop, sondern vielleicht eher eine Reflexion über Pop von den Rändern her gedacht.
Jaronas Scheurer
UFO sind der Komponist und Klangkünstler Lukas Huber, der Schlagzeuger Michael Anklin und der elektronische Musiker und Sounddesigner Robert Torche. Ihre Diskografie liest sich wie das systematisch aufgebaute Inhaltsverzeichnis einer wissenschaftlichen Publikation: I, II, III, IV.I, IV.II, IV.III, IV.IV…
Doch UFO gehen nicht systematisch vor, eher organisch. Sie lassen ihre Musik über Genregrenzen und verschiedene Kollaborationen hinweg wuchern. Auf ihren vier EPs IV.I-IV haben sie für jeden der 14 Songs mit unterschiedlichen Gästen zusammengearbeitet: Jazzsängerinnen, Komponisten, Autorinnen, Popmusiker…
Die Ursprungsidee dieser vier EPs war eigentlich, mit wechselnden Gästen Popsongs zu schreiben. Doch UFO hat sich immer weiter von dieser Idee wegbewegt. Wie klingt dieses Wegbewegen? Eine Hörprobe.
Der Verlust des Pops
Der Song «Nordpol» eröffnet die EP IV.III: Ein dunkler, kalter Synthiesound wabert herbei und spielt ein zähes Dreitonmotiv. Schlagzeug und die virtuos ausdrucksstarke Stimme von Legion Seven – in Berlin ansässige Sänger*in und Künstler*in – setzen ein und verdichten das musikalische Geschehen zu etwas, dass man Strophe nennen könnte. Könnte – wäre nicht alles so zäh, fast eingefroren. Klar, da ist ein Beat – aber ein derart langsamer, reduzierter. Klar, da gibt es Harmoniefolgen, da gibt es Melodie. Aber etwas wie Strophe, Refrain, Bridge – fehl am Platz. Pop ist hier mehr die Dringlichkeit der Erzählung, getragen, angetrieben von der Stimme von Legion Seven, als so etwas wie Radiotauglichkeit oder erkennbares Songschema. «With every step I take I bring destruction.» singt Legion Seven am Ende. Vielleicht ist es das: Zerstörung. Mit jedem Schritt in die Popwelt hinein bringt UFO die Zerstörung eben dieser mit…
Auch «Neuronen» zusammen mit der Musikerin Laure Betris, besser bekannt als Kassette, dekonstruiert die Idee des Pops, indem Aspekte dieser Idee genommen und neu gedacht werden. Laure Betris’ Stimme versteckt sich hinter dichten Hallschleiern. Dazu ein nervöses Gewusel an Geräuschen – klopfen, zirpen, knacken – vor einem wummernden Synthie-Untergrund. Plötzlich eine Pause, Stillstand, bevor es wieder weiter wuselt. So entsteht zwar eine klare Form: Strophe, Refrain, Bridge? Vielleicht; aber mit ganz unterschiedlichem musikalischem Material. Perkussionsgewusel statt Beat, Synthiegewummer statt Gitarrenakkorde und die abstrakte, flüchtige Stimme von Laure Betris als unwirkliche Projektionsfläche.
Der Popsong als ferne Utopie
Die Songs auf der EP IV.III sind immerhin noch in Pop-Nähe angesiedelt. Vier Songs zwischen drei und sieben Minuten sind darauf zu finden. Auf der neusten EP IV.IV entfernt man sich aber auch davon. Pro Plattenseite ist da nur ein Track drauf: «Wir warten» mit dem Bieler Duo Butterland auf der A-Seite und «Dawn» mit Larissa Rapold und Giovanni Vicari von der Basler Band Malummí auf der B-Seite, beide um die 12 Minuten lang. Und gerade «Dawn» ist vielleicht symptomatisch für die organisch-wuchernde UFO-Infiltration der Popsprache. Es beginnt harmlos mit einer langsam gezupften E-Gitarre, warm angezerrt. Einige leicht hingetupfte Schlagzeugimpulse und eine dunkle, verhallte Stimme kommen dazu. Das erinnert ein wenig an den akustischen Doom der Band Earth. Doch diese zarten Pop-Anleihen finden nicht zueinander, sondern werden bald schon gestört von elektronischen Interferenzen. Die Klänge sind vielleicht teilweise harsch, ungewohnt, mehr Geräusch als Ton. Aber trotzdem hört man hier deutlich, wie die Musiker*innen aufeinander hören, reagieren. Behutsam, tastend versuchen sie Musik entstehen zu lassen.
Es mündet in einem dichten, lauten Höhepunkt bestehend aus Glissandi, die in alle Richtungen davonstreben. Danach taucht plötzlich wieder der Gitarren-Klang vom Beginn auf. Langsam werden verzerrte Akkorde gezupft. Auch hier wieder: tastend. Als ob jemand nach der richtigen Akkordfolge sucht. Ganz für sich, intim – ohne dass jemand zuhören könnte. Einige zarte Beckenimpulse gesellen sich dazu und gruppieren sich zu einem feinen Beat. Wieder die zarte, verhallte Stimme und ein leichter Synthie im Hintergrund. Nach all dem Noise wird tastend wenigstens nach der Möglichkeit eines Songs gesucht…
UFO - IV.III & IV.IV
Die dritte EP ist am 11. April 2025 und die vierte und letzte EP ist am 18. September 2026 erschienen. Alle EPs sind via Bandcamp zu kaufen.
Die Produktion wurde unterstützt durch den RegioSoundCredit 2022/3. Das Review der ersten zwei EPs findest du hier.
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About Torsten Sarfert
Geboren in Ludwigsburg beginnt seine spannende Reise. Sie führt ihn über Stuttgart nach Tübingen und zum Schluss nach Basel. Schon in den 90er Jahren in die Veranstaltung kultureller Events involviert, wird Musik in seinem Werdegang immer wichtiger. So war er u.a. Tourbegleiter und Projektmitarbeiter der Contour Music GmbH, lancierte das Projekt "Soulfood MusiCuisine" im Panda Club und übernahm 2019 das Booking vom Atlantis Basel. Er schreibt seit 2018 als freier Autor über Musik und die damit verbundenen Menschen.